NEUE CHORZEIT, Ausgabe Juli / August 2008
Demographischer Wandel – auch bei uns?!
Folgen der zukünftigen Bevölkerungsentwicklung für die Chorjugendarbeit
In einer zweitägigen Fachtagung am 8. und 9. November 2008 in Frankfurt am Main widmet
sich die Deutsche Chorjugend dem aktuellen Thema „Demographischer Wandel“. Hat die
vorhergesagte zukünftige Bevölkerungsentwicklung in Deutschland Folgen für die Arbeit der
Kinder- und Jugendchöre? Und wenn ja, welche? Fragen und Antworten hierzu sollen mit
Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeitern sowie allen Interessierten aus
Mitgliedsverbänden, Kreisverbänden und Chören erörtert und diskutiert werden.
Das Thema brennt den Deutschen unter den Nägeln. „Die Bevölkerungspyramide in der
Bundesrepublik Deutschland steht auf dem Kopf“, sagt Walter Link, Vorsitzender der
Enquête-Kommission des Bundestages, die sich intensiv mit dem Demographischen Wandel
beschäftigt hat. „Während der Anteil der Älteren immer größer und der Anteil der
Berufstätigen immer kleiner wird, nimmt Deutschlands Bevölkerung drastisch ab.“
Fakt ist: Die Bevölkerung wird schrumpfen, sie wird älter und kulturell unterschiedlicher.
Deshalb stellt sich auch für Chöre die Frage nach dem Umgang mit der
Bevölkerungsentwicklung, meint der Vorstand der Deutschen Chorjugend. Bildungsreferentin
Anna Wiebe plant derzeit die Fachtagung für den Jugendverband und ist überzeugt, dass
das Thema für alle Mitgliedsverbände und Chöre relevant ist. „Die Chöre müssen sich schon
heute Gedanken darüber machen, wie sie ihre zukünftige Arbeit an geänderte Bedingungen
anpassen wollen“, sagt sie. Welche Folgen diese Entwicklung für einen kulturellen
Jugendverband wie die Chorjugend und die Arbeit vor Ort hat, ist bisher noch nicht näher
untersucht worden.
Was bedeutet der Demographische Wandel für das politische Handeln eines kulturell
arbeitenden Jugendverbandes? Wie sind die Interessen der Kinder und Jugendlichen in
einer älter werdenden Gesellschaft am besten zu vertreten? Dies sind Fragen, mit denen
sich in erster Linie die Chorjugendverbände auseinandersetzen sollten. Existenziell können
die Probleme der Zukunft für die Basis werden. Wie kann man Nachwuchsmangel und
Mitgliederschwund wirksam begegnen? Braucht es eine Attraktivitätssteigerung des
Chorgesangs insgesamt? Wie muss ein Chor auf die Kinder und Jugendlichen zugehen?
Welche Rolle spielen dabei aktuelle Entwicklungen im Bildungswesen wie die
Ganztagsschule? Welche Bildungs- und Freizeitangebote sprechen die Zielgruppen an?
In der Prognose wird sich die Bevölkerung immer stärker auf die städtischen Ballungsräume
konzentrieren, die Landbevölkerung weiter abnehmen. Doch gerade im ländlichen Raum
haben Chöre eine starke Verwurzelung, während in den Städten vielfach andere
Freizeitangebote von der Jugend bevorzugt werden. Auch die anteilige Zunahme von
Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund aufgrund zunehmender Zuwanderung
aus anderen Ländern stellt eine Herausforderung für viele Chöre dar. Die Angebote müssen
für möglichst viele Jugendliche attraktiv sein. Weltoffenheit sollte ein durchgängiges Merkmal
der Kinder- und Jugendchöre sein.
Es gilt aber auch die Chancen des Demographischen Wandels zu nutzen: Die Älteren haben
nach dem Berufsleben ein hohes Potenzial an Energie und Zeit, das sie zum Beispiel in
ehrenamtliche Tätigkeiten investieren können. Lebenslanges Lernen bekommt auch vor
diesem Hintergrund eine neue Bedeutung. Weiterbildungsangebote müssen hiernach
ausgerichtet werden.
Die Ansprüche an die Ausbildung des Nachwuchses steigen in unserer Wissens- und
Informationsgesellschaft. Der wirtschaftliche Erfolg der Erwerbstätigen sichert schließlich den
Wohlstand der Älteren. Die Chöre können ihren Beitrag zur Ausbildung der Kinder und
Jugendlichen leisten, indem sie die Qualität der außerschulischen Bildungsangebote
steigern. Dass eine musikalische Betätigung und Ausbildung die Jugend ganzheitlich fördert,
ist ja vielfach nachgewiesen worden. Hier liegen die Stärken der Chorjugendarbeit.
Anna Wiebe und der Vorstand der Deutschen Chorjugend wollen die Fachtagung dazu
nutzen, um den Chören und Chorverbänden Handlungsspielräume zu eröffnen. Niemand
sollte sich an den Status quo gewöhnen. Die prognostizierten Veränderungen werden nicht
an der Chorjugend vorbeigehen. Je früher sich die Verantwortlichen mit dem Thema
beschäftigen und versuchen, Lösungen zu suchen, desto besser.
Mit kompetenten Referenten, in Workshops und in offenen Diskussionsrunden sollen sich
diejenigen, die in der Jugendarbeit tätig sind, dem Thema annähern. Es wird Vorträge zu den
Grundlagen des Demographischen Wandels und seinen Auswirkungen auf die
außerschulische und insbesondere die kulturelle Kinder- und Jugendbildung geben. In vier
Workshops sollen die Bereiche „Politisch handeln“, „Probleme lösen“, „Chancen nutzen“ und
„Interessen vertreten“ bearbeitet werden. Ein detailliertes Programm wird in Kürze
veröffentlicht.
Um die Handlungsempfehlungen für Chöre so konkret wie möglich zu gestalten, bittet die
Deutsche Chorjugend um Ihre Mithilfe. Der Vorstand lädt Sie herzlich ein, sich mit Ihrer
Sichtweise und Ihren Ideen zum Thema während der Fachtagung (oder bereits im Vorfeld)
einzubringen. Anregungen und Erfahrungsberichte senden Sie an die DCJ-Geschäftsstelle in
Köln oder per E-Mail an info@deutsche-chorjugend.de.
Weitere Infos unter www.deutsche-chorjugend.de
Stichwort: Demographischer Wandel
Mit dem Begriff „demographischer Wandel“ wird die Veränderung der Zusammensetzung der
Altersstruktur einer Gesellschaft bezeichnet. Prognosen anerkannter Fachleute sagen für
Deutschland und Europa folgende Entwicklungen voraus:
Die Geburtenrate wird auf einem niedrigen Niveau verharren, die Lebenserwartung
zunehmen. Eine zahlenmäßig kleinere Bevölkerung wird zu einer abnehmenden
Bevölkerungsdichte führen mit starken regionalen Unterschieden. Die Verschiebung der
Altersstruktur der Bevölkerung ist voraussichtlich stärker als noch vor einigen Jahren
angenommen. Selbst bei weiterhin kontinuierlich erfolgenden Zuwanderungen sind
der Bevölkerungsrückgang und die Verschiebung der Altersstruktur nicht aufzuhalten,
sondern allenfalls abzumildern. Immer weniger junge Menschen stehen immer mehr
älteren Menschen gegenüber, und das Durchschnittsalter der Bevölkerung im
erwerbsfähigen Alter sowie das der Bevölkerung insgesamt werden deutlich zunehmen.
Erschienen in: NEUE CHORZEIT, Ausgabe Juli / August 2008
Autor: Oliver Erdmann (Deutsche Chorjugend)
Berliner Zeitung
Berliner Zeitung, 23./24./25./26. Dezember 2006
Tagesthema: Singen
Von Daniela Zinser
Forscher loben die pädagogische Wirkung des Gesangs. Doch den Chören fehlt der Nachwuchs. Deutschland verstummt.
„...Schuld am Nachwuchsmangel seien die 68er, sagt Henning Scherf (SPD). Der einstige Bürgermeister von Bremen ist so etwas wie der weltweite Obersänger – als Präsident des Deutschen Chorverbandes mit 2,1 Millionen Mitgliedern ist er Chef des größten Sängerverbandes der Erde. Er wettert: „Die 68er haben einfach das Singen für rechts erklärt, und plötzlich haben alle aufgehört zu singen.“ Aus diesem APO-Tief wollen Scherf und der Chorverband mit „Felix“ herauskommen – einer Initiative, die bereits 2500 Kindergärten mit einem Gütesiegel für gute Musikerziehung ausgezeichnet hat. „Singen muss wieder zur Selbstverständlichkeit werden. Damit kann man gar nicht früh genug anfangen“, sagt Scherf, der selbst voller Begeisterung für den Chorgesang ist: „Es ist die schönste und nachhaltigste Gemeinschaftstat überhaupt. Sie kultiviert das Sozialverhalten, denn man erlebt sich selbst neu und lernt, aufeinander zu hören“. ...
TAZ
TAZ, 4. Januar 2007
Nur böse Menschen haben keine Lieder
Von Gunnar Leue
Es scheint, als ginge mit dem gemeinsamen Singen wieder ein Stück deutschen Kulturguts verloren. Dabei verjüngt es sich nur – vor allem wegen Karaoke
...Dass Deutschland eine ganze Generation von Sängerinnen und Sängern verloren gegangen ist, wird gern den 68ern und ihrem Denkvorbild Adorno angekreidet; der hatte Nazitum und Singsang in einen großen Zusammenhang gebracht und damit der fortschrittlichen Jugend den gemeinschaftlichen Vortrag deutschen Liedguts gründlich vergällt. Den Rest besorgte Heino.
Dabei wird freilich übersehen, dass auch bei den jungen Brüdern und Schwestern in der DDR die Lust am traditionellen Gesang abnahm, was fälschlicherweise gerne als Widerstandsakt gegen den offiziellen Hype von Pionier- und Arbeiterliedern interpretiert wird. Eher zeigte es, dass auch der junge Ossi nach Coolness trachtete und die in weiter Ferne wähnte, würde er eine „Heart of Gold“-Lagerfeuerrunde durchs „Heideröslein“ sprengen.
Im Prinzip ist es noch heute so. Michael Blume, Musiklehrer an eine Gesamtschule in NRW, gesteht: „Dass man junge Leute sofort mit Volksliedern begeistern kann, habe ich noch nicht erlebt. Es sei denn, sie sind so aufbereitet, dass sie in ihren Hörerfahrungsschatz hineinpassen.“
Als Vorsitzender des Musikrates des Deutschen Chorverbandes weiß er zudem, „dass junge Menschen in ihrer Freizeit nicht mit wesentlich älteren Menschen verbringen wollen“. Deshalb nehme tatsächlich die Mitgliederzahl in den vereinsmäßig organisierten traditionellen Chören ab, nicht jedoch die Zahl der Freizeitsänger.
Blume schätzt, dass es neben den 26.000 Chören in seinem Verband noch etwa 14.000 nicht organisierte gebe: „Permanent werden neue Chöre gegründet, die andere Programme und ein anderes Selbstverständnis entwickeln. Das sind meist etwas kleinere und nicht so streng organisierte Gruppen:“ Quasi eine Art Indieszene.
Michael Blume findet auch Karaoke nicht schlimm, weil er jede Form von Singen begrüßt. Schade sei nur, wenn die Singenden keine Hilfestellungen bekämen. „Ich weiß aber, dass viele Karaokesänger sich auf einmal Gesangsunterricht nehmen, um sich zu verbessern.“
Auch „Deutschland sucht den Superstar“, die Karaokemaschine von RTL, sieht er nicht negativ, weil sie dazu führe, „ dass sich die Leute wieder mit Singen auseinandersetzen.“ An seiner Schule hat Lehrer Blume kürzlich die Aktion „Vokalklasse“ gestartet, bei der im fünften Schuljahr eine tägliche Musikstunde stattfindet, in der überwiegend gesungen wird. Das bringe nicht nur Spaß, sondern fördere auch die Intelligenz, das Sozialverhalten und die Gesundheit.
Letzter Stand der Wissenschaft: Singen erhöht die Konzentration von Immunoglobin A im Körper, was gut ist für die Stärkung des Immunsystems. Wer singt, lebt gesünder. Sollte man das nicht bei der Gesundheitsreform berücksichtigen?
Könnte Angela Merkel ja mal drüber nachdenken, so beim Kartoffelschälen.
Weserkurier/Bremer Nachrichten
WESER KURIER/BREMER NACHRICHTEN 7.2.2007
Unterschiedliche Brüder im Gesang vereint
Hennig Scherf bereitet als Präsident des Deutschen Chorverbandes das große Sängerfest
in Bremen vor
Von Arnulf Marzluf
BREMEN. Von der Bedeutung, die die Laienchöre im öffentlichen Musikleben Deutschlands einmal hatten und für die unsere besten Komponisten bis hin zu Arnold Schönberg schrieben, war - bis auf wenige Ausnahmen wie Kirchenchöre - nach der Nazizeit nicht mehr viel übrig geblieben. Zu politischen Zwecken missbraucht, waren die Vereine zudem in Verruf geraten und in den Siebzigern entsprechend stigmatisiert. Heutzutage spielen die Laienchöre überwiegend in ländlichen Regionen eine kulturell bedeutendere Rolle. Das könnte sich ändern, denn Kinder- und Jugendchöre haben enorm starken Zulauf, und außerhalb der Schulen, in denen die musischen Fächer kaum noch ernst genommen werden, formiert sich eine neue Chorbewegung.Dass sich das Chorwesen im Umbruch befindet, zeigt zudem das Zusammengehen der beiden größten und ältesten Organisationen mit einer neuen Spitze und neuen Ideen. Seit anderthalb Jahren ist der ehemalige Bremer Bürgermeister Henning Scherf Präsident des Deutschen Chorverbandes. Scherf: "Der Deutsche Chorverband ist ein Zusammenschluss des Allgemeinen Deutschen Sängerbunds und des Deutschen Sängerbundes. Die einen stammen aus der Arbeiterbewegung und die anderen aus der bürgerlichen Sängerbewegung. Sie waren über 100 Jahre feindselige Brüder und jetzt, 2005, haben sie die Vereinigung geschafft und waren der Ansicht, dass ich derjenige wäre, der sie repräsentieren könnte, obwohl ich bei ihnen nie aktiv war."Die Organisation ist mit über zwei Millionen Mitgliedern der größte Chorverband der Welt, was die Rede von der Marginalität des Chorlebens in Deutschland eigentlich relativiert. Doch fehlt ein zukunftsorientiertes Profil, um das sich Scherf nun kümmern möchte. Er hat sich den ehemaligen Musikmanager des Doms, Moritz Puschke, zum Pressereferenten ausgesucht, möchte allerdings zunächst pragmatisch an die Neuorientierung des Verbandes herangehen und zeigt gegenüber Programmen oder strategischen Philosophien Skepsis. Reizvoll sind für Scherf die miteinander harmonisch abzustimmenden Faktoren Kunst, Musik und Soziales, zumal jeder dieser Bereiche seine eigene Dynamik hat, sich alle jedoch untereinander beeinflussen. Die spektakulär gewordenen Berliner Tanzprojekte mit Jugendlichen nehmen den Kunstanspruch so ernst, dass sie wenig mit der übrigen soziokulturellen Wirklichkeit gemein haben. Von einem künstlerisch professionellen Geist sind auch die südamerikanischen Jugendorchester geprägt, in denen sich Kinder aus Armenvierteln zusammenfinden. Die seit je enge Bindung der Musikpraxis an vorhandene soziale Strukturen könnte der Kunst selber neue Impulse verschaffen. In Rock und Pop kam der vitale Zustrom nicht aus der kulturellen Mitte.Von Rock und Pop will Scherf allerdings nicht viel wissen, weil ihre inzwischen kommerzialisierten und industrialisierten Formen Wege zu eigener musikalischer Entwicklung verbauen können. Welcher Heavy Metal-Fan wird schon in einem Chor mitsingen. Andererseits weiß Moritz Puschke, dass zum Beispiel unter den Jungen von Ansgar Müller-Nanningas Knabenchor auch Hiphop beliebt ist und ausgeübt wird. Das Interesse der Jugend am Chorgesang ist jedenfalls enorm. Im Felix-Projekt, das der Deutsche Chorverband für Kindergärten ins Leben gerufen hat, sind rund zweieinhalb Tausend Einrichtungen versammelt, jedes Jahr, so Scherf, kämen 500 hinzu.Das Bremer Chorfest, das im kommenden Jahr vom 22. bis 25 Mai stattfindet, ist der erste Auftritt der beiden früher eigenständigen großen deutschen Chorvereinigungen. "Ich hoffe, dass das ein Erfolg wird", drückt sich Scherf vorsichtig aus und denkt an die Power, mit der kommerzielle Unternehmen solche Feste organisieren wie die vor einigen Jahren in Bremen stattgefundene Chorolympiade. Scherf möchte weitere Chorfeste des Verbandes in anderen Städten und Bundesländern. 30 000 Sänger werden in Bremen erwartet, vor allem auch aus dem Osten Europas, wo ohnehin die Chorkultur ein traditionell hohes Niveau hat.Schwierig wird es sein, die unterschiedlichen technischen und künstlerischen Ambitionen, die sich zwischen einem Shanty-Chor und einem der Klassik verpflichteten Ensemble ergeben, in ein sinnvolles Ganzes zu integrieren. Scherf: "Wenn man den Shanty-Chor zu seinen Wurzeln zurückführt, auf das Rebellische und Harte, dann lebt in ihm wieder etwas auf, das sich bei uns aufzuführen lohnt." Ernst nehmen will man bei diesem Festival die Begegnung der Chöre aus der Region Bremen und Niedersachsen mit Partnerchören aus anderen Regionen und Ländern. Alle beteiligten Chöre werden zusammen mit den Bremer Philharmonikern ein Abschlusskonzert gestalten (Bernsteins Chichester-Psalms und Teile aus Händels Messias)